Frage 1: Ihr seid ein Zusammenschluss von Jüd:innen in Wien. Wie viel Antisemitismus gibt es in Österreich eurer Meinung nach (noch)? Habt ihr damit Erfahrungen gemacht?

Antisemitismus in Österreich ist ein tief verwurzeltes und vielschichtiges Phänomen, das sich in verschiedenen Formen manifestiert. In unserem Alltag begegnen wir direkten Formen des Antisemitismus, die oft von der weißen katholischen österreichischen Mehrheitsgesellschaft ausgehen. Dies reicht von verbalen Angriffen, wie der Behauptung, Juden seien für den Tod Jesu verantwortlich, bis hin zu Vandalismus persönlicher Gegenstände, wie dem Zeichnen von Hakenkreuzen auf unsere Hefte in der Schule. Solche Handlungen sind nicht isoliert, sondern spiegeln einen breiteren gesellschaftlichen Kontext wider, der von antisemitischen Strömungen durchzogen ist.

Die Situation für Jüd:innen in Österreich ist paradox: Viele in der Mehrheitsgesellschaft scheinen davon auszugehen, dass es uns „nicht mehr“ gibt, außer in bestimmten sichtbaren Kontexten. Jene von uns, die nicht sichtbar religiös sind, sind manchmal mit Aussagen konfrontiert, die in Anwesenheit von Jüd:innen wahrscheinlich nicht gemacht würden (z.B. “Nicht alles, was Hitler gemacht hat, war schlecht”). Dies zeigt die Bequemlichkeit von antisemitischen Personen, ihre Ansichten offen zu äußern, oft ohne jegliche Zurechtweisung durch andere.

Trotz der ständigen Thematisierung des Holocausts im Bildungssystem und im öffentlich-rechtlichen Fernsehen wird ein extrem beschränktes Bild vermittelt. Dieses Bild konzentriert sich einerseits nur auf bestimmte jüdische Opfer und vernachlässigt andere Gruppen, die von den Nazis verfolgt wurden. Andererseits fehlt ein Verständnis dafür, wie sich jüdische Menschen über den Holocaust definieren müssen. Das Trauma und die ständige Konfrontation damit in Österreich sind Teil der jüdischen Identitätsbildung, ob wir das wollen oder nicht.

Die Präsenz und Aktivität rechtsextremer, faschistischer und offen antisemitischer Burschenschaften, die sich durch aggressives und gewalttätiges Verhalten auszeichnen, verschärfen diese Situation. Ihr offenes Auftreten und die mangelnde staatliche Reaktion darauf tragen zu einem Klima bei, in dem sich Antisemitismus weiterhin entfalten und verstärken kann.

Auf institutioneller Ebene erinnern wir uns an Ereignisse wie die Waldheim-Affäre und die jüngere antisemitische Rahmung der Anschuldigungen gegen die SPÖ während der sogenannten „Silberstein-Affäre“. Diese Vorfälle zeigen, wie Antisemitismus in politischen und gesellschaftlichen Diskursen verankert ist.

Darüber hinaus sind wir Zeug:innen der Neuinterpretation des Antisemitismus, die sich über das politische Spektrum erstreckt. Diese Neuinterpretation äußert sich in Form eines sogenannten „Philosemitismus“, der Jüd:innen zwar positiv darstellt, aber dennoch als „anders“ kennzeichnet. Dieser Philosemitismus folgt der internen Logik des Rassismus und bleibt in seinem Kern unverändert, obwohl er subtiler erscheinen mag.

Es ist auch wichtig, die Verbindungen zwischen Antisemitismus und anderen Formen des Rassismus zu erkennen. Die Solidarität mit anderen unterdrückten Gruppen ist ein zentrales Element unseres Kampfes gegen Antisemitismus. Indem wir diese Verbindungen aufzeigen, können wir ein tieferes Verständnis für die Mechanismen der Diskriminierung entwickeln und effektiver gegen alle Formen von Rassismus vorgehen.

Frage 2: Warum habt ihr euch dazu entschieden, euch als Judeobolschewiener:innen zu organisieren?

Die Gründung der Judeobolschewiener:innen war ein Prozess, der aus dem Bedürfnis nach Gemeinschaft, Austausch und gemeinsamem Handeln entstanden ist. Viele von uns fühlten sich in Wien als linke Jüd:innen isoliert, sowohl in jüdischen als auch in linken Kreisen, insbesondere in von Weißen dominierten linken Räumen.

In Österreich wird Judentum oft über den Staat Israel und einseitigem und instrumentalisiertem Holocaust-Gedenken definiert, was häufig zu einer scheinbar untrennbaren Verbindung von Jüdischsein und Zionismus führt. Diese Verbindung ist sowohl innerhalb jüdischer Strukturen als auch in der weiß-christlichen Mehrheitsgesellschaft präsent. In der weißen linken Szene zeigt sich dies in Form von anti-deutschen Haltungen und einer Fetischisierung von Jüd:innen im Kontext Israels.

Unser Ziel war es, einen Raum zu schaffen, in dem wir uns über unsere Identitäten, Erfahrungen und politischen Positionen austauschen können. Wir wollten für uns auch einen Raum zum Hinterfragen, Überdenken und Lernen schaffen, uns gemeinsam bilden. Ein wichtiger Aspekt unserer Arbeit ist die interne Bildung im nicht-öffentlichem Rahmen, der Austausch über Expertisen, Diskussionen und auch die ständige kritische Auseinandersetzung der eigenen Positionen. 

Wir feiern jüdische Feste gemeinsam, wobei wir die solidarischen und emanzipatorischen Aspekte dieser Feste betonen und dabei Freude und Gemeinschaft mit unseren Familien, Freund:innen und Verbündeten erleben. 

Ein wichtiger Teil unseres Verständnisses aktiver Solidarität ist die Bündnisarbeit. Wir suchen und gehen Bündnisse mit anderen rassifizierten und marginalisierten Personen und Organisationen ein, um gemeinsam gegen Rassismus, Sexismus und andere Formen der Unterdrückung vorzugehen. Ebenso schätzen wir die Zusammenarbeit mit politischen Organisationen, wie etwa der KJÖ im Rahmen dieses Interviews.

Frage 3: In Österreich wird oft Antisemitismus mit Antizionismus gleichgesetzt. Wieso macht ihr da einen Unterschied?

Es ist entscheidend, zwischen Antisemitismus und Antizionismus zu unterscheiden, da sie grundlegend verschiedene Konzepte darstellen. Antisemitismus ist der Vorurteil und Hass gegenüber Jüd:innen aufgrund ihrer jüdischen Identität. Er ist eine Form des Rassismus, die sich gegen eine religiöse oder rassifizierte Gruppe richtet.

Antizionismus hingegen ist eine politische Position, die sich gegen die politische Ideologie des Zionismus richtet. Zionismus, als eine Form des jüdischen Nationalismus, hat zu einem ethno-nationalistischen Staat geführt und ist eng mit dem europäischen Kolonialismus verbunden. Im Namen des Zionismus wurden und werden Palästinenser:innen enteignet, vertrieben, unterdrückt und ermordet. Aber auch Jüd:innen, insbesondere BIPoC Jüd:innen aus Westasien und Afrika, sowie Geflüchtete und Gastarbeiter*innen, leiden unter der systematischen Diskriminierung durch den Staat Israel.

Die Gleichsetzung von Antizionismus mit Antisemitismus ist gefährlich, da sie den Begriff des Antisemitismus verwässert und dessen effektive Bekämpfung erschwert. Nicht alle Jüd:innen sind Zionist:innen, und viele lehnen den Zionismus aus politischen, ethischen oder religiösen Gründen ab. Diese Gleichsetzung wird oft genutzt, um Rassismus, insbesondere gegen Palästinenser:innen und Muslim:innen, zu reproduzieren.

Eine fortschrittliche Perspektive erfordert, Zionismus als eine Form des europäischen Kolonialismus zu verstehen und zu erkennen, dass jüdische Selbstbestimmung nicht zwangsläufig im Rahmen einer Ethnokratie existieren muss. Als Linke lehnen wir die Idee ab, dass ein Staat nur als Ethnokratie existieren kann, und betrachten diese Behauptung als grundsätzlich reaktionär und nicht mit den grundlegendsten Menschenrechten vereinbar.

Frage 4: Gerade jetzt werden sehr viele Stimmen, die die Vorgehensweise Israels in Gaza kritisieren, diffamiert und zensiert. Was bewirkt das eurer Meinung nach?

Die Diffamierung und Zensur von Stimmen, die Israels Politik in Gaza kritisieren, hat weitreichende Auswirkungen. Sie stellt nicht nur einen Angriff auf die Meinungsfreiheit dar, sondern ist auch ein Teil der Unterdrückung jeglicher progressiver Kräfte. Diese Repression ist besonders besorgniserregend, da sie zeigt, wie tief die Unterstützung für bestimmte politische Ideologien – in diesem Fall den Zionismus – in unserer Gesellschaft verankert ist.

Indem Kritik an der israelischen Regierungspolitik unterdrückt wird, wird ein wichtiger Teil des öffentlichen Diskurses eingeschränkt. Dies führt zu einer Verarmung des politischen Dialogs und verhindert eine umfassende Auseinandersetzung mit der Gewalt in Palästina. Es ist unmöglich, konsequent anti-rassistisch, anti-faschistisch, anti-kapitalistisch oder anti-imperialistisch zu sein, ohne auch anti-zionistisch zu sein. Die Unterdrückung der Palästina-Solidarität ist somit ein Angriff auf alle, die sich für Gerechtigkeit und Gleichheit einsetzen.

Die Zensur von Kritik an Israel ist auch ein Beispiel dafür, wie bestimmte Formen des Dissenses vom Kapitalismus nicht toleriert werden können, da sie die Grundlagen des europäischen Reichtums und der Macht bedrohen. Die Repression gegen die Solidarität mit Palästina ist daher ein Indikator für die Grenzen der Meinungsfreiheit in einer Gesellschaft, die sich ansonsten als offen und demokratisch versteht.

Darüber hinaus ist es wichtig zu erkennen, dass diese Zensur auch rassistische Repressionen beinhaltet. Sie dient der Einschüchterung und Kriminalisierung von bestimmten Bevölkerungsgruppen, insbesondere von Muslim:innen und Palästinenser:innen. Dies zeigt sich beispielsweise in der Operation Luxor in Österreich, die dazu geführt hat, dass sich bestimmte Teile der Gesellschaft ins Private zurückziehen.

Frage 5: Was wäre eine fortschrittliche Perspektive?

Eine fortschrittliche Perspektive erfordert zunächst, dass wir Antisemitismus und Antizionismus klar voneinander trennen. Antisemitismus als antijüdischer Rassismus muss als eine spezifische Form des Rassismus verstanden werden, die sowohl historische als auch gegenwärtige Ausprägungen hat. Es ist wichtig, Antisemitismus in diesem Kontext zu betrachten und nicht isoliert von anderen Rassismusformen.

In Bezug auf den sogenannten “Nahost-Konflikt” bedeutet eine fortschrittliche Perspektive, Zionismus als eine Form des europäischen Kolonialismus zu verstehen. Es handelt sich nicht um einen “Konflikt” auf Augenhöhe sondern um eine siedler-koloniale Besatzung Palästinas. Dieses Verständnis ermöglicht es, die Grundannahmen der Situation zu hinterfragen und ein tieferes Verständnis für die Rolle Europas in diesem historischen und gegenwärtigen Kontext zu entwickeln.

Eine fortschrittliche Sichtweise auf Antisemitismus erfordert auch, das Verbindende in unserer Unterdrückung zu betonen und gemeinsam mit allen rassifizierten und marginalisierten Personen in Österreich und weltweit gegen strukturelle und individuelle Unterdrückung aufzustehen. Dies bedeutet, Bündnisse zu bilden und sich solidarisch mit anderen unterdrückten Gruppen zu zeigen, um gemeinsam für Gerechtigkeit und Gleichheit zu kämpfen.

Letztlich geht es darum, ein umfassenderes Verständnis von Gerechtigkeit und Menschenrechten zu fördern, das über eng gefasste nationale oder ethnische Identitäten hinausgeht. Eine fortschrittliche Perspektive erkennt die Vielfalt und Komplexität menschlicher Erfahrungen an und strebt danach, eine Welt zu schaffen, in der alle Menschen frei von Unterdrückung und Diskriminierung leben können.


Wir sind ein Kollektiv von in Wien lebenden linken Jüd*innen. Unser Denken und Handeln orientieren sich an den Prinzipien der Doikayt, Freiheit und Solidarität.

Website/Blog: https://judeobolschewienerinnen.wordpress.com/

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